Hautproblem: Was ist Acne inversa?

Die Krankheit Acne inversa wird meist spät erkannt. Viele Patienten leiden unnötig lange an den entzündeten und schmerzenden Knoten

von Julia Rudorf, 06.03.2018

Manche von Acne inversa betroffenen Menschen schämen sich, zum Arzt zu gehen


Bloß ein paar harmlose Pickel! Die ersten Anzeichen der sogenannten Acne inversa verwechseln viele mit Hautunreinheiten. Doch die erbsengroßen, entzündeten und schmerzenden Knoten unter den Achseln, in der Leiste oder am Po können Anzeichen einer schweren chronischen Krankheit sein.

Weitgehend unbekannt

Sie betrifft schätzungsweise ein Prozent der Bevölkerung. Trotzdem ist ­Acne inversa noch wenig bekannt, ­beklagen Experten. "Im Schnitt vergehen zehn Jahre, bis Patienten die rich­tige Diagnose bekommen", sagt Dr. Dagmar Presser, leitende Dermatochi­rurgin am Universitätsklinikum Würzburg. Sie betreut dort die Acne-inversa-Sprechstunde.

Doch weil das Leiden, auch Hidradenitis suppurativa genannt, nicht immer auf Anhieb erkannt wird, geht nicht ­jeder Betroffene mit einer Überweisung zum Spezialisten. Einige Patienten ­suchen im Internet nach Erklärungen für ihre chronisch wiederkehrenden Abszesse – und erfahren dort zum ersten Mal mehr über die Erkrankung.

Scham verzögert den Arztbesuch

Manche gehen nicht zum Arzt, weil sie sich schämen. "Die Entzündungen treten unter den Achseln und bei Frauen unter den Brüsten auf. Der Schambereich, bei Männern der Po sind auch ­betroffen. Das ist vielen Menschen peinlich", sagt der Dermatologe Dr. Andreas Pinter vom Uniklinikum Frankfurt.

Dabei wäre eine frühe Diagnose wichtig. Wird Acne inversa nicht oder falsch behandelt, breiten sich die eitrigen Knoten aus, wachsen mitunter zusammen. Es können sogenannte Fistelgänge entstehen, aus denen unangenehm riechendes Sekret austritt. Während eines Entzündungsschubes kann Bewegung, sogar Sitzen zur Qual werden.

Betroffene ziehen sich oft zurück

Aus Angst vor Ablehnung ziehen sich Betroffene häufig zurück, körperliche Nähe wird einigen fast unmöglich. Die psychischen und sozialen Folgen sind dramatisch – auch weil die Krankheit schon jüngere Menschen trifft.

"Die ­­Acne inversa hat schon manche Berufskarriere und Liebesbeziehung zerstört", sagt Experte Pinter. Etwa 40 Prozent der Patienten leiden an schweren Depres­sionen. Das Risiko, dass sich zusätzlich Herz-Kreislauf-Probleme oder Diabetes entwickeln, ist erhöht.

Alles beginnt im Haarfollikel

Über den Ursprung der Krankheit weiß man bislang wenig. Die Entzündungen betreffen anfangs vor allem die Haarfollikel. Vermutlich hängt die Entzündung jedoch auch mit einer Fehlsteuerung des Immunsystems zusammen. Einige Patienten scheinen eine erbliche Veranlagung zu besitzen.

Rauchen, Übergewicht und Stress gelten ebenso als Auslöser wie Hautreizungen durch Kleidung, Schwitzen oder das Entfernen der Körperbehaarung. "Beim Rasieren können Bakterien durch Mikroverletzungen eindringen und Entzündungen auslösen", erklärt Dermato­chirurgin Presser. Einmalrasierer und die Desinfektion der Haut verringern die Belastung. Auch eine dauerhafte Haarentfernung kann Betroffenen helfen, Entzündungsschübe zu reduzieren. Allerdings wurden die positiven Effekte bisher nur in kleineren Studien nachgewiesen; die Kosten müssen die Patienten selbst tragen.

Therapie: Cremes, Tabletten, Risikofaktoren meiden

Je nach Ausprägung besteht die Therapie aus unterschiedlichen Elementen. "Es handelt sich um eine systemische Erkrankung, deshalb muss der gesamte Organismus in das Behandlungskonzept eingebunden werden", sagt Presser.

In leichten Fällen können etwa antiseptische Cremes helfen. Betroffene werden zudem ermutigt, abzunehmen oder das Rauchen aufzugeben. "Beides ist auch bei anderen Erkrankungen ein Risikofaktor – bei der Acne inversa gilt das aber ganz besonders", sagt Hautarzt Pinter. Psychotherapien können die Stressbelastung verringern und die Patienten dabei unterstützen, mit der Krankheit leben zu lernen.

In schwereren Fällen verordnen Ärzte über einen bestimmten Zeitraum das Antibiotikum Doxycyclin. Es wirkt nicht in erster Linie gegen Bakterien, sondern gegen Entzündungen. Häufig müssen die Abszesse jedoch operativ entfernt werden. "Da die Entzündungsgänge oft zentimetertief unter die Haut reichen, sind das keine kleinen Eingriffe", sagt Pinter.

Antikörper-Arznei lässt hoffen

Für die systemische Behandlung wurde vor etwa drei Jahren ein weiteres Medikament zugelassen: ein Antikörper, der bis dahin gegen rheumatoide Arthritis eingesetzt wurde. Adalimumab hilft zwar nicht jedem, doch Patienten, bei denen der Wirkstoff anschlägt, erleben eine deutliche Verbesserung – häufig, wenn sie zudem operiert wurden.

Experten hoffen, dass bald weitere sogenannte Biologika zur Verfügung stehen. "Die Beachtung des Themas nimmt zu – und damit ganz langsam auch die Forschung", so Pinter. Damit Betroffene künftig früher therapiert werden können, versuchen Spezialisten nicht nur andere Mediziner für die Krankheit zu sensibilisieren, sondern auch die Patienten selbst. Niemand sollte jahrelang leiden, bevor er eine Acne-­inversa-Sprechstunde aufsucht.


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